Wieso das neurozentrierte Training häufig falsch verstanden wird



Ich erlebe es immer wieder: Kritik in den sozialen Medien in Bezug auf #Neuroathletik oder andere Formen des neurozentrierten Trainings. Selten ist die Kritik jedoch fundiert und deutet meistens eher darauf hin, dass die Kritiker keine Ahnung von dem haben, was sie kritisieren. Häufig wird das neurozentrierte Training ausschließlich mit dem Training mit Augenklappen und Lecken an einer 9V-Batterien in Verbindung gebracht. Dass sie dabei den Kern dieser Trainingsform verfehlen fällt ihnen gar nicht auf oder ist ihnen völlig egal. Daher möchte ich an dieser Stelle etwas Klarheit schaffen und mehr zu den Hintergründen des neurozentrierten Trainings erklären.


Das neurozentrierte Training wird primär mit der Neuroathletik in Verbindung gebracht. Der Begriff „Neuroathletik“ stammt ursprünglich von Oliver Bierhoff. Während der Arbeit von Lars Lienhard kam der damalige Manager der deutschen Nationalmannschaft auf diesen Begriff. Dieser war so einprägsam, dass sich der Begriff seither als eigenständige Bezeichnung etablierte, obwohl es nur einen Teil des neurozentrierten Trainings ausmacht. Der Ursprung dieser Trainingsform ist bei Eric Cobb von Z-Health zu finden. Dabei ist der Bereich der „Athletik“ nur ein kleiner Teilbereich des gesamten Ausbildungskonzepts bei Z-Health. Doch auf Grund der Arbeit von Lars, überwiegend im athletischen Bereich, war der Begriff zumindest für diesen Arbeitsbereich zutreffend. Schaut man sich jedoch die vollständigen Inhalte des zugrundeliegenden Ausbildungskonzepts von Eric Cobb an, finden sich viele weitere Themen, die zum neurozentrierten Training dazu gezählt werden können. Dazu gehören unter anderem das Ausdauertraining, Krafttraining, Ernährung, manualtherapeutische Techniken, Verhaltensmodifikation, neurorehabilitative Verfahren und vieles mehr. Streng genommen ist der Begriff der Neuroathletik unzureichend, da er die Fülle an Anwendungsmöglichkeiten nicht adäquat widerspiegelt. Diese Trainingsmethode sollte eher als „Angewandte Bewegungsneurologie“ bezeichnet werden, was zutreffender wäre, da dies der Kernbereich des Ausbildungskonzepts bei Z-Health darstellt. Im Prinzip haben diese Begriffsbezeichnung auch die Kollegen der AMN Academy aus UK gewählt, die genau so ihr Ausbildungskonzept basierend auf der Arbeit von Eric Cobb bezeichnet haben: Applied Movement Neurology. Ähnlich kann auch die Neuroathletik verstanden werden. Es werden „neuronale Übungen“ genutzt, um die Athletik eines Sportlers zu verbessern, um dadurch die Leistungsfähigkeit zu optimieren. Doch was sind „neuronale Übungen“?


An dieser Stelle muss ich etwas weiter ausholen. Die Arbeit von Eric Cobb geht auf die Methode der „Funktionellen Neurologie“ zurück. Eric Cobb sagt selber aus, dass er nichts Neues erfunden habe. Er nutze nur das Wissen aus der Neurologie und aus den Bewegungswissenschaften, um diese miteinander zu kombinieren. Die funktionelle Neurologie setzt sich jedoch in erster Linie nicht mit dem Thema Athletik oder Sport auseinander, sondern mit der Funktion und Dysfunktion unseres Nervensystems. Neuroathletik-Trainer als Experten im Bereich der funktionellen Neurologie zu bezeichnen ist das gleich als würde man Fitness Trainer als Experte der Medizin bezeichnen. Sich als Neuroathletik-Trainer als Experte im Bereich der funktionellen #Neurologie zu bezeichnen ist mindestens anmassend, wenn nicht sogar unseriös. Die funktionelle Neurologie beschäftigt sich mit Defiziten im Nervensystem, bevor diese in der Regel pathologisch werden.


Obwohl auch dieser Blickwinkel ein wesentlicher Bestandteil von Z-Health ist, liegt in dem Ausbildungskonzept von Cobb der Fokus sehr stark auf einen eher bewegungszentrierten Ansatz. Die funktionelle Neurologie arbeitet hingegen stärker medizinisch und therapeutisch. Daher gehören auch Biomarker, Ernährung, Kontrolle neuroendokriner Faktoren und Nahrungsergänzungsmittel sehr stark zum Anwendungsbereich der funktionellen Neurologie, wobei diese Bereiche bei Z-Health überwiegend nicht gelehrt werden. Dies ist weder als schlecht oder als gut anzusehen, sondern einfach nur als anders. Das Konzept von Z-Health ermöglicht nicht nur Therapeuten die Umsetzung des Gelehrten, sondern auch Fitness und Personal Trainern. Hierbei wird aber häufig vergessen wie komplex das Nervensystem ist und viele neuronale Probleme nicht einfach nur mit dem visuellen Verfolgen eines Bleistiftes gelöst werden können. Doch ein System sollte niemals an Hand seiner Schüler und Studenten beurteilt werden, sondern an seinen Möglichkeiten zur Heilung oder Funktionsverbesserung.


Um auf die Fragestellung von oben zurückzukommen: neuronale Übungen sind primär Übungen, die bestimmte Bereiche im #Nervensystem gezielt aktivieren können. Sie machen den Kern der Neuroathletik aus, sind jedoch wiederum nur ein kleiner Teil der funktionellen Neurologie. Denn die Aktivierung von bestimmten zentralnervösen Arealen durch unterschiedliche Übungen funktioniert nicht, wenn zum Beispiel neuronale Funktionsstörungen vorliegen. Dazu gehören zum Beispiel lokale Übererrungen im Gehirn, inflammatorische Prozesse oder metabole Probleme. In diesem Fall müssen auch andere Aspekte in das Training beziehungsweise in die Therapie mit einbezogen werden, die zwar weniger in der Neuroathletik, dafür aber eher in der funktionellen Neurologie zu finden sind.


Gleichzeitig ist die Verschaltung im Nervensystem sehr komplex, was häufig in den sozialen Medien als sehr simpel dargestellt wird. Daher ist der Bereich der funktionellen Neurologie sehr groß und teilweise noch unerforscht. Dennoch wurden in den letzten Jahren viele Fortschritte in Bezug auf die Funktionsweise des Gehirns gemacht, so dass wir immer besser verstehen wie das Gehirn arbeitet und Bewegungen steuert. Diese Komplexität gilt es im Training und in der Therapie zu berücksichtigen. Dennoch stellt das neurozentrierte Training eine Vertiefung der bisherigen Trainingsmöglichkeiten dar. Durch die Anwendung neuronaler Übungen und Fokus auf die Funktion des Nervensystems können Funktionen schneller als herkömmlich verbessert und #Dysfunktionen effektiver beseitigt werden.


Das folgende Beispiel soll dies verdeutlichen. Der Tractus vestibulospinalis sind Nervenfasern, die aus den Gleichgewichtskernen im Hirnstamm hinab zu den Extensoren im Nacken oder zu tiefer liegenden Extensoren im unteren Rücken aber auch zur Gesäßmuskulatur ziehen. Somit besteht eine neuroanatomische Verbindung zwischen unserem Gleichgewichtsorgan und der Extensorengruppe, die primär für unsere Haltung verantwortlich ist. Diese Verbindung dient in erster Linie der reflektorischen Hemmung von Flexoren, bei gleichzeitiger Aktivierung der Extensoren. Vor allem in Bezug auf die Sturzprophylaxe ist dieser Reflex sinnvoll, um uns vor Schaden zu bewahren. Defizite im vestibulären System können daher zu einem erhöhten #Muskeltonus in den Extensoren führen, was als Verspannung in der hinteren Kette wahrgenommen werden kann. Typische Symptome hierbei sind zum Beispiel eine reduzierte Vorwärtsbeuge, Verspannungen im Beinbeuger und chronische Rückenschmerzen. Der erhöhte Muskeltonus dient primär als Schutzfunktion. Unser Körper reagiert auf muskulärer Ebene häufig mit einem erhöhten Muskeltonus als Reaktion auf eine bedrohliche Situation. Dabei ist es primär irrelevant, ob ein tatsächlicher Schaden vorliegt oder nicht. In diesem Beispiel ist also der erhöhte Muskeltonus als Folge eines vestibulären Problems zu betrachten. Vestibuläre Übungen können daher hilfreich sein, um einen erhöhten Muskeltonus in den Extensoren zu reduzieren. Natürlich gilt es dies individuell zu prüfen. Dies erfordert jedoch grundlegende neuroanatomische Kenntnisse, wie sie in der Neuroathletik aber auch in der funktionellen Neurologie gelehrt werden.


Der neurozentrierte Ansatz soll aufzeigen, dass unser Körper nicht nur auf mechanischer Ebene, sondern auch auf neuronaler Ebene arbeitet. Dabei ist unser gesamter Output (Bewegung, Beweglichkeit, Kraft, Ausdauer, Gedanken, etc.) primär von der Funktion unseres Nervensystems abhängig. Dies bedeutet nicht, dass andere System im Körper unwichtig sind. Ganz im Gegenteil. Das Nervensystem interagiert kontinuierlich mit allen anderen Systemen wie dem Immunsystem, dem endrokrinen System und natürlich auch dem muskuloskeletalem System. Das neurozentrierte Training liefert eine neue Perspektive den Körper zu betrachten. Und genau so sollte es auch betrachtet werden.


Patrick Meinart studiert das neurozentrierte Training bereits seit 2012. In diesem Jahr begann er mit dem Ausbildungskonzept von Z-Health und war 2016 der erste Anbieter für die Ausbildung zum „Neuroathletik Coach“ in Deutschland. Er hat bisher alle Ausbildungsmodule von Z-Health durchlaufen und studiert zusätzlich seit 2018 auch am Carrick Institute. Zur Zeit absolviert er darüber hinaus eine Ausbildung bei der „International Association of Functional Neurology“. Seine drei Bücher „Mobility: Das große Handbuch“, „Zurück zur Beweglichkeit“ und „Das Neue Krafttraining“ beziehen sich alle auf das Training aus einer neurozentrierten Perspektive. Dabei stellt die Neuroathletik nur einen Teilbereich seines Trainingsansatzes dar.


Erfahre mehr zum neurozentrierten Training in einer unserer vielfältigen Fortbildungen.


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