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Hyperadrenerges POTS: das Nervensystem im "Overdrive"

  • 10. Juni
  • 29 Min. Lesezeit

1. Wenn dein Körper im Alarmzustand festhängt


Vielleicht kennst du dieses Gefühl.


Du stehst auf – und plötzlich rast dein Herz. Dein Körper wird unruhig, deine Hände zittern, dein Kopf fühlt sich komisch an, du bekommst Druck, Schwindel, Benommenheit oder das Gefühl, nicht richtig durchatmen zu können.

Manchmal fühlt es sich an, als würde dein Körper auf eine Gefahr reagieren, obwohl objektiv gar keine Gefahr da ist.


Du sitzt vielleicht einfach nur da. Oder du stehst in der Küche. Oder du gehst ein paar Schritte durch den Raum. Und trotzdem reagiert dein Körper, als müsstest du fliehen.


Das ist für viele Betroffene extrem verunsichernd.


Denn von außen sieht man oft nichts. Blutwerte sind vielleicht unauffällig. Das EKG ist in Ordnung. Das Herz selbst scheint gesund zu sein. Und trotzdem fühlt sich dein Körper nicht gesund an.


Viele Menschen hören dann Sätze wie:


„Das ist bestimmt Stress.“

„Das ist psychisch.“

„Sie müssen sich einfach mehr entspannen.“

„Sie haben wahrscheinlich eine Angststörung.“


Und natürlich können Stress, Angst und emotionale Belastung eine Rolle spielen. Aber beim hyperadrenergen POTS ist ein entscheidender Punkt wichtig:


Dein Körper kann sich ängstlich anfühlen, ohne dass die Ursache primär psychologische Angst sein muss.

Wenn dein autonomes Nervensystem zu stark aktiviert ist, wenn dein Sympathikus feuert, wenn Noradrenalin ausgeschüttet wird, wenn dein Herz rast, deine Gefäße eng werden und dein Gehirn Körpersignale von Alarm empfängt, dann entsteht automatisch ein Gefühl von innerer Unruhe.


Das ist keine Einbildung.

Es ist eine reale körperliche Reaktion.


Beim POTS, dem posturalen orthostatischen Tachykardie-Syndrom, reagiert das Herz-Kreislauf-System übermäßig stark auf das Aufstehen oder aufrechte Körperhaltung. Der Puls steigt deutlich an, obwohl das Problem nicht zwangsläufig im Herzen selbst liegen muss.


Besonders bei der hyperadrenergen Form von POTS wirkt es so, als wäre das Nervensystem in einem dauerhaften Kampf-oder-Flucht-Modus gefangen.


Der Körper verhält sich, als müsste er dich schützen.


Aber die Schutzreaktion ist zu stark, zu häufig oder schlecht reguliert.


Und genau hier beginnt das eigentliche Problem: Nicht nur die Herzfrequenz ist erhöht. Das gesamte autonome Nervensystem scheint Schwierigkeiten zu haben, flexibel zwischen Aktivierung und Beruhigung zu wechseln.

Deshalb reicht es häufig nicht, nur auf den Puls zu schauen.


Die wichtigere Frage lautet:


Warum produziert dein Nervensystem überhaupt diese Alarmreaktion?


Denn hyperadrenerges POTS ist selten nur ein „Herzrasen-Problem“. Häufig ist es ein Zeichen dafür, dass mehrere Systeme im Körper nicht mehr sauber miteinander kommunizieren: Nervensystem, Gefäße, Blutvolumen, Immunsystem, Hormone, Gehirn und Stressachsen.


Dieser Artikel soll dir helfen, diese Zusammenhänge besser zu verstehen.


Nicht, damit du dich noch mehr sorgst.

Sondern damit du erkennst:


Dein Körper ist nicht verrückt. Dein Nervensystem ist möglicherweise überfordert, dysreguliert und dauerhaft in einem Alarmmuster gefangen.


Und genau dieses Verständnis ist der erste Schritt, um wieder mehr Kontrolle, Sicherheit und Vertrauen in den eigenen Körper zurückzugewinnen.


2. Was ist hyperadrenerges POTS?


POTS steht für Posturales Orthostatisches Tachykardie-Syndrom.


Das klingt kompliziert, beschreibt aber zunächst etwas sehr Konkretes:

Der Körper reagiert auf das Aufstehen oder aufrechte Körperhaltung mit einem übermäßigen Anstieg der Herzfrequenz.


„Postural“ bedeutet: abhängig von der Körperposition.

„Orthostatisch“ bedeutet: im Zusammenhang mit dem Stehen.

„Tachykardie“ bedeutet: eine deutlich erhöhte Herzfrequenz.


Beim POTS steigt der Puls also beim Aufrichten oder Stehen ungewöhnlich stark an. Viele Betroffene erleben dazu Schwindel, Benommenheit, Schwäche, Zittern, Druck im Kopf, Brain Fog, Lufthunger, innere Unruhe oder das Gefühl, gleich wegzukippen.


Aber wichtig ist:


POTS ist nicht einfach nur ein Pulsproblem.

Der hohe Puls ist häufig nur das sichtbare Zeichen dafür, dass die automatische Regulation des Körpers nicht mehr sauber funktioniert.


Wenn ein gesunder Mensch aufsteht, muss der Körper innerhalb weniger Sekunden viele Dinge gleichzeitig anpassen. Blut versackt durch die Schwerkraft eher in Beine und Bauchraum. Damit trotzdem genug Blut im Gehirn ankommt, reguliert das autonome Nervensystem die Gefäßspannung, den Blutdruck, die Herzfrequenz und die Durchblutung.


Im Idealfall passiert das automatisch, unbemerkt und flexibel.

Du stehst auf – und dein Körper passt sich an.


Bei POTS funktioniert diese Anpassung nicht stabil genug. Der Körper muss stärker kompensieren. Eine der häufigsten Kompensationen ist ein deutlicher Anstieg der Herzfrequenz.


Das Herz schlägt schneller, um die Durchblutung aufrechtzuerhalten.


Doch beim hyperadrenergen POTS kommt noch ein besonderer Faktor hinzu:

Der Sympathikus ist übermäßig stark aktiviert.


Der Sympathikus ist der Teil des autonomen Nervensystems, der dich aktiviert, antreibt und in Stress- oder Gefahrensituationen mobilisiert. Er erhöht die Herzfrequenz, beeinflusst den Blutdruck, verändert die Gefäßspannung, steigert Wachheit und bereitet den Körper auf Handlung vor.


Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes.


Ohne Sympathikus könntest du morgens nicht aufstehen, dich nicht konzentrieren, nicht trainieren und nicht angemessen auf Belastung reagieren.


Problematisch wird es, wenn dieses System zu stark, zu häufig oder zum falschen Zeitpunkt aktiviert wird.

Genau das kann beim hyperadrenergen POTS passieren.


„Hyperadrenerg“ bedeutet vereinfacht: Der Körper befindet sich in einem Zustand übermäßiger adrenerger Aktivierung. Dabei spielen Stressbotenstoffe wie Noradrenalin eine wichtige Rolle.


Noradrenalin ist ein zentraler Botenstoff des sympathischen Nervensystems. Du kannst ihn dir wie ein inneres Alarmsignal vorstellen. Er sorgt dafür, dass dein Körper wach, angespannt, reaktionsbereit und mobilisiert ist.

Wenn dieses Signal zu stark wird, entstehen typische hyperadrenerge Symptome:


Das Herz rast

Der Körper zittert

Die Hände werden unruhig

Der Blutdruck kann beim Stehen steigen

Der Kopf fühlt sich überladen an

Der Schlaf wird schlechter

Der Körper fühlt sich an, als wäre er innerlich auf der Flucht.


Das Entscheidende ist:


Beim hyperadrenergen POTS reagiert der Körper nicht einfach nur „zu empfindlich“. Er versucht häufig, ein Regulationsproblem zu lösen.


Wenn zu wenig Blut effektiv im Gehirn ankommt, wenn Gefäße nicht passend reagieren, wenn Blutvolumen fehlt, wenn Entzündung, Hormone, Histamin oder Stressachsen das System beeinflussen, kann der Körper den Sympathikus hochfahren, um Stabilität herzustellen.


Das Problem ist nur:


Diese Kompensation kann selbst zum Problem werden.

Der Körper versucht, dich zu schützen, aber die Schutzreaktion wird zu stark.

Dadurch entsteht ein Zustand, in dem das Nervensystem nicht mehr flexibel zwischen Aktivierung und Beruhigung wechseln kann. Es bleibt zu lange im Alarmmodus.


Nicht alle Formen von POTS sind gleich. Manche Patienten haben vor allem ein Problem mit niedrigem Blutvolumen. Andere haben eine Small-Fiber-Neuropathie, bei der kleine Nervenfasern die Gefäßregulation nicht mehr sauber steuern. Wieder andere haben eine starke Beteiligung von Mastzellen, Histamin, Hormonen, Autoimmunprozessen oder zentralen autonomen Netzwerken im Gehirn.


Beim hyperadrenergen POTS steht besonders die übermäßige sympathische Aktivierung im Vordergrund.

Das erklärt, warum viele Betroffene nicht nur Herzrasen erleben, sondern auch Zittern, innere Unruhe, Stressintoleranz, Schlafprobleme, Schwitzen, Hitzegefühl, Druck im Kopf, Brain Fog und das Gefühl, dass der Körper ständig unter Strom steht.


Und genau deshalb wird diese Form von POTS so häufig missverstanden.


Denn von außen sieht sie manchmal aus wie Angst.


Aber im Körper kann etwas ganz anderes passieren:

Das autonome Nervensystem steckt in einem Alarmprogramm fest.


Und genau darüber müssen wir im nächsten Schritt sprechen.


3. Warum es sich oft wie Angst anfühlt – aber nicht immer Angst ist


Eines der größten Missverständnisse bei hyperadrenergem POTS ist die Verwechslung mit Angst.

Und auf den ersten Blick ist das sogar nachvollziehbar.


Das Herz rast

Der Körper zittert

Die Atmung verändert sich

Die Hände werden unruhig

Man schwitzt schneller

Der Kopf fühlt sich überladen an

Man bekommt vielleicht Druck auf der Brust, Lufthunger oder das Gefühl, gleich die Kontrolle zu verlieren.


Von außen sieht das schnell aus wie eine Angst- oder Panikreaktion.

Und manchmal fühlt es sich auch genauso an.


Aber genau hier liegt der entscheidende Punkt:


Nur weil sich etwas wie Angst anfühlt, bedeutet das nicht automatisch, dass Angst die Ursache ist.

Bei vielen Betroffenen beginnt die Reaktion nicht mit einem ängstlichen Gedanken. Sie sitzen nicht da und denken: „Oh nein, gleich passiert etwas Schlimmes.“ Stattdessen passiert zuerst etwas im Körper.


Der Puls steigt.Der Sympathikus feuert.Noradrenalin wird ausgeschüttet.Die Gefäße reagieren.Die Durchblutung verändert sich.Der Körper sendet Alarmsignale an das Gehirn.


Und erst danach versucht der Kopf, diese Signale zu erklären.


Das Gehirn ist darauf ausgelegt, Körpersignale zu interpretieren. Wenn dein Herz plötzlich rast, dein Körper zittert und du dich innerlich unruhig fühlst, dann fragt dein Gehirn automatisch:


„Was ist los?“

„Bin ich in Gefahr?“

„Warum fühlt sich mein Körper so komisch an?“

„Kippt gleich etwas?“

„Stimmt etwas mit meinem Herzen nicht?“


Das ist keine Schwäche. Das ist ein Schutzmechanismus.

Dein Gehirn versucht, Sinn aus einer körperlichen Alarmreaktion zu machen.


Das Problem ist: Wenn diese Alarmreaktion immer wieder passiert, kann sich daraus natürlich echte Angst entwickeln.

Nicht, weil du dir die Symptome einbildest.


Sondern weil dein Körper unberechenbar geworden ist.


Wenn du mehrmals erlebt hast, dass dein Herz beim Aufstehen plötzlich rast, dass dir in der Dusche schwindelig wird, dass du nach dem Essen innerlich unruhig wirst oder dass dein Körper bei Hitze, Stress oder Bewegung überreagiert, dann beginnt dein Nervensystem, diese Situationen als potenziell gefährlich abzuspeichern.

Dann wird nicht nur das Symptom zum Problem.


Die Erwartung des Symptoms wird ebenfalls zum Problem.


Du bekommst vielleicht Angst vor dem Aufstehen.Angst vor Belastung.Angst vor Hitze.Angst vor vollen Räumen.Angst vor Terminen.Angst davor, alleine unterwegs zu sein.Angst davor, dass dein Körper wieder „aus dem Nichts“ reagiert.


Das ist verständlich.


Denn ein Nervensystem, das wiederholt Alarm erlebt, lernt irgendwann, Alarm zu erwarten.

Deshalb ist es bei hyperadrenergem POTS so wichtig, nicht vorschnell zu sagen: „Das ist nur psychisch.“

Genauso wenig wäre es sinnvoll zu sagen: „Angst spielt überhaupt keine Rolle.“


Die Realität ist oft komplexer.


Der Körper kann den ersten Alarm setzen.Der Kopf kann diesen Alarm verstärken.Die Erfahrung kann Angst erzeugen.Und die Angst kann wiederum das autonome Nervensystem weiter aktivieren.


So entsteht ein Kreislauf.


Nicht, weil du schwach bist.Nicht, weil du dich anstellst.Nicht, weil du „zu sensibel“ bist.

Sondern weil Körper und Gehirn in einer Alarmschleife gefangen sein können.


Genau deshalb reicht es oft nicht aus, nur positiv zu denken oder sich zu sagen: „Ich muss mich entspannen.“

Wenn dein Körper auf physiologischer Ebene Alarm schlägt, braucht dein Nervensystem echte Sicherheit.

Es muss wieder lernen, dass Aufstehen, Bewegung, Atmung, Verdauung, Hitze, soziale Situationen oder körperliche Aktivität nicht automatisch Gefahr bedeuten.


Und diese Sicherheit entsteht nicht durch Druck.


Sie entsteht durch Verständnis, Regulation, Wiederholung und gezielte Reize, die das Nervensystem nicht überfordern, sondern ihm Schritt für Schritt zeigen:


Du bist nicht in Gefahr

Du darfst wieder regulieren

Du musst nicht dauerhaft im Alarmmodus bleiben.

Deshalb ist hyperadrenerges POTS nicht nur ein Thema der Herzfrequenz.


Es ist auch ein Thema von Körperwahrnehmung, autonomer Regulation, Sicherheit im Nervensystem und der Fähigkeit, wieder zwischen Aktivierung und Beruhigung wechseln zu können.


Und genau deshalb müssen wir im nächsten Schritt auf die typischen Symptome schauen – nicht als isolierte Beschwerden, sondern als Ausdruck eines Nervensystems, das versucht, Kontrolle zurückzugewinnen.


4. Warum der Puls nicht das eigentliche Problem sein muss


Viele Menschen mit POTS beginnen irgendwann, ihren Puls sehr genau zu beobachten.

Das ist verständlich.


Der Puls ist sichtbar.Er ist messbar.Er steht auf der Smartwatch.Er steigt beim Aufstehen.Er verändert sich nach dem Essen.Er reagiert auf Hitze, Stress, Schlafmangel oder Bewegung.


Und wenn dein Herz plötzlich von 70 auf 120 oder 140 Schläge pro Minute springt, dann fühlt sich das nicht harmlos an.


Es fühlt sich bedrohlich an.


Deshalb ist es völlig nachvollziehbar, dass viele Betroffene zuerst denken:

„Mit meinem Herzen stimmt etwas nicht.“


Doch genau hier liegt ein wichtiger Punkt:

Beim POTS ist das Herz nicht immer das eigentliche Problem.


Häufig ist der hohe Puls eher das sichtbare Zeichen dafür, dass der Körper versucht, ein tieferes Regulationsproblem auszugleichen.


Um das zu verstehen, müssen wir uns anschauen, was beim Aufstehen eigentlich passiert.


Wenn du liegst, muss dein Körper das Blut relativ gleichmäßig verteilen. Sobald du aufstehst, verändert sich die Situation sofort. Durch die Schwerkraft sackt ein Teil des Blutes nach unten, vor allem in Beine, Becken und Bauchraum.


Damit dein Gehirn trotzdem ausreichend versorgt wird, muss dein autonomes Nervensystem innerhalb weniger Sekunden reagieren.


Die Gefäße müssen sich passend verengen

Der Blutdruck muss stabil bleiben

Das Herz muss seine Leistung anpassen

Die Atmung muss mitspielen

Die Durchblutung des Gehirns muss gesichert werden.

Bei einem gut regulierten Nervensystem läuft dieser Prozess automatisch und unauffällig ab.

Du stehst auf, dein Körper passt sich an, und du denkst nicht weiter darüber nach.


Bei POTS ist genau diese Anpassung gestört.


Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass dein Herz krank ist. Es bedeutet eher, dass die automatische Steuerung zwischen Nervensystem, Gefäßen, Blutvolumen, Atmung und Durchblutung nicht stabil genug funktioniert.

Ein besonders wichtiger Punkt ist die effektive Zirkulation.


Denn selbst wenn genug Blut im Körper vorhanden ist, heißt das noch nicht, dass es in der aufrechten Position dort ankommt, wo es gebraucht wird.


Wenn beim Stehen zu viel Blut in der unteren Körperhälfte versackt, bekommt das Gehirn relativ gesehen weniger Blutfluss. Das nennt man venöses Pooling.


Der Körper registriert diesen relativen Versorgungsstress und reagiert.


Er erhöht den Puls.Er aktiviert den Sympathikus.Er schüttet Stressbotenstoffe wie Noradrenalin aus.Er erhöht die Gefäßspannung.Er macht dich wacher, angespannter und alarmierter.


Aus Sicht des Körpers ist das zunächst sinnvoll.

Er versucht, die Durchblutung des Gehirns zu sichern.

Das Problem ist nur: Diese Kompensation kann sehr unangenehm werden.


Denn dieselben Mechanismen, die dich eigentlich stabilisieren sollen, erzeugen gleichzeitig viele der Symptome, unter denen Betroffene leiden.


Herzrasen

Zittern

Innere Unruhe

Druck im Kopf

Schwitzen

Hitzegefühl

Brain Fog

Lufthunger

Schlafprobleme

Stressintoleranz


Der Körper versucht also, ein Problem zu lösen, aber die Lösung fühlt sich selbst wie ein Problem an.

Beim hyperadrenergen POTS steht genau diese übermäßige sympathische Kompensation besonders im Vordergrund.

Der Sympathikus wird nicht nur ein bisschen aktiviert. Er schaltet sehr stark hoch. Dadurch kann es nicht nur zu einem Pulsanstieg kommen, sondern auch zu einem Anstieg des Blutdrucks im Stehen, zu Zittern, innerer Getriebenheit, Schlafstörungen und einem Gefühl, als wäre der Körper permanent unter Strom.


Deshalb ist es so wichtig, nicht nur die Herzfrequenz zu betrachten.

Natürlich ist der Puls ein wichtiger Messwert.

Aber er beantwortet nicht die entscheidende Frage.


Die entscheidende Frage lautet nicht nur:

„Wie hoch ist dein Puls?“


Sondern:

„Warum muss dein Körper den Puls so stark erhöhen?“


Mögliche Antworten können sehr unterschiedlich sein.


Vielleicht versackt zu viel Blut in Beinen und Bauchraum

Vielleicht ist das Blutvolumen zu niedrig

Vielleicht reagieren die Gefäße nicht kräftig oder koordiniert genug

Vielleicht spielt ein hypermobiles Bindegewebe eine Rolle

Vielleicht ist der Körper nach Krankheit, Bettlägerigkeit oder Schonung dekonditioniert

Vielleicht beeinflussen Entzündung, Histamin oder Mastzellen die Gefäßregulation

Vielleicht stören Hormone, Schilddrüse, Cortisol oder Blutzuckerschwankungen das System

Vielleicht ist das zentrale autonome Nervensystem nach Infekt, Trauma, chronischem Stress oder Überlastung empfindlicher geworden.


All diese Faktoren können dazu führen, dass der Körper beim Stehen stärker kompensieren muss.

Und diese Kompensation zeigt sich dann häufig als hoher Puls.


Deshalb kann es zu kurz greifen, POTS nur über die Herzfrequenz zu definieren.

Der Puls ist das Signal.


Aber das Signal erzählt nicht die ganze Geschichte.


Wenn eine Warnlampe im Auto leuchtet, würdest du auch nicht nur die Lampe abkleben. Du würdest fragen, warum sie leuchtet.


Genauso ist es beim hyperadrenergen POTS.


Es geht nicht nur darum, den Puls zu drücken oder den Körper irgendwie ruhigzustellen. Es geht darum zu verstehen, warum das Nervensystem überhaupt diese starke Alarmreaktion produziert.


Denn wenn der Körper dauerhaft das Gefühl hat, er müsse um Stabilität kämpfen, bleibt der Sympathikus aktiv.

Und wenn der Sympathikus aktiv bleibt, verliert das Nervensystem seine Flexibilität.


Dann wird es schwerer, zwischen Aktivierung und Beruhigung zu wechseln. Schwerer, nach Belastung wieder herunterzufahren. Schwerer, Hitze, Mahlzeiten, Bewegung, Stress oder emotionale Reize zu tolerieren.

Der Körper wird nicht unbedingt schwächer.


Er wird reaktiver.


Und genau hier beginnt die eigentliche Arbeit:


Nicht nur den Puls beobachten, sondern die Regulationsfähigkeit des Nervensystems verstehen.

Denn beim hyperadrenergen POTS ist die Herzfrequenz häufig nur die sichtbare Spitze eines viel größeren autonomen Regulationsproblems.


Im nächsten Schritt müssen wir deshalb genauer anschauen, welche Systeme diese Alarmreaktion antreiben können: Durchblutung, Immunsystem, Hormone und zentrale Netzwerke im Gehirn.


5. Die häufigsten Treiber: Durchblutung, Immunsystem, Hormone und Gehirnnetzwerke


Wenn man hyperadrenerges POTS verstehen möchte, muss man sich von einer einfachen Idee verabschieden:

Es gibt nicht immer die eine Ursache.


Natürlich wünschen sich viele Betroffene genau das. Einen klaren Auslöser. Einen einzelnen Laborwert. Einen einzigen Befund. Eine Erklärung, die alles zusammenfasst.


Aber in der Realität ist POTS häufig komplexer.

Nicht, weil es mysteriös oder eingebildet ist.

Sondern weil das autonome Nervensystem mit sehr vielen Körpersystemen verbunden ist.


Es steht in ständigem Austausch mit Blutgefäßen, Herz-Kreislauf-System, Atmung, Immunsystem, Hormonen, Stoffwechsel, Gehirn, Darm, Bindegewebe und Stressachsen.


Wenn eines dieser Systeme aus dem Gleichgewicht gerät, kann das autonome Nervensystem reagieren.

Wenn mehrere Systeme gleichzeitig aus dem Gleichgewicht geraten, kann es überreagieren.

Genau deshalb entsteht bei vielen Betroffenen ein Bild, das sich nicht sauber in eine einzige Schublade packen lässt.


Durchblutung und Blutvolumen: Wenn der Körper um Versorgung kämpft


Ein sehr häufiger Treiber ist eine gestörte effektive Durchblutung.


Dabei geht es nicht nur darum, wie viel Blut insgesamt im Körper vorhanden ist, sondern auch darum, ob dieses Blut in der aufrechten Position dort ankommt, wo es gebraucht wird.


Vor allem im Gehirn.


Wenn beim Stehen zu viel Blut in Beine, Becken oder Bauchraum absackt, spricht man von venösem Pooling. Das Gehirn bekommt dann relativ gesehen weniger stabile Versorgung. Der Körper registriert das und versucht gegenzusteuern.


Er erhöht die Herzfrequenz

Er aktiviert den Sympathikus

Er steigert die Gefäßspannung

Er schüttet mehr Noradrenalin aus.


Aus Sicht des Körpers ist das ein Schutzversuch.

Er versucht, dich aufrecht und handlungsfähig zu halten.


Doch wenn diese Kompensation zu stark wird, fühlt sie sich an wie innerer Alarm.


Zu den Faktoren, die diese Kreislaufproblematik verstärken können, gehören niedriges Blutvolumen, zu wenig Flüssigkeit oder Salz, venöses Pooling, eine schwache Gefäßverengung, Bindegewebsschwäche, hypermobiles Gewebe, Endotheldysfunktion, Dekonditionierung nach Krankheit oder Schonung sowie eine ungünstige Atemmechanik.


Auch eine längere Phase mit wenig Bewegung kann das System empfindlicher machen. Der Körper verliert dann einen Teil seiner Fähigkeit, Blutdruck, Gefäßspannung und Durchblutung unter Belastung stabil zu regulieren.

Deshalb ist POTS nicht einfach nur ein Problem des Herzens.


Oft kämpft der Körper darum, die Versorgung im Stehen stabil zu halten.

Der hohe Puls ist dann ein Zeichen dieser Kompensation.


Immunsystem, Infekte und Histamin: Wenn Entzündung den Sympathikus reizt


Ein weiterer großer Bereich ist das Immunsystem.


Viele Betroffene berichten, dass ihre Symptome nach einem Infekt begonnen haben. Das kann nach COVID passieren, aber auch nach anderen viralen Infektionen wie Epstein-Barr-Virus, Influenza oder anderen Erkrankungen.

Nach Infekten kann das autonome Nervensystem empfindlicher werden. Der Körper bleibt dann manchmal in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit, obwohl die akute Infektion längst vorbei ist.


Auch Autoimmunprozesse werden bei POTS diskutiert. Dabei kann es zu Antikörpern kommen, die autonome Rezeptoren beeinflussen, zum Beispiel adrenerge oder muskarinerge Rezeptoren. Diese Rezeptoren sind wichtig für die Kommunikation des autonomen Nervensystems mit Gefäßen, Herz, Organen und Gewebe.


Wenn diese Signalwege gestört sind, kann die Regulation instabiler werden.


Ein weiterer wichtiger Verstärker ist das Mastzellaktivierungssyndrom, kurz MCAS.


Mastzellen sind Immunzellen, die Botenstoffe wie Histamin ausschütten können. Histamin beeinflusst Blutgefäße, Herzfrequenz, Entzündung, Schleimhäute, Darm, Gehirn und auch das autonome Nervensystem.


Bei manchen Menschen führen histaminreiche Lebensmittel, Alkohol, Wärme, Stress, hormonelle Schwankungen oder Entzündungen zu einer stärkeren Mastzellaktivierung. Das kann Symptome wie Flush, Herzrasen, innere Unruhe, Juckreiz, Kopfdruck, Brain Fog, Verdauungsbeschwerden oder Kreislaufreaktionen verstärken.

Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch mit POTS automatisch MCAS hat.


Aber es bedeutet, dass Histamin und Immunaktivierung bei manchen Betroffenen ein wichtiger Teil des Gesamtbildes sein können.


Auch Neuroinflammation spielt eine mögliche Rolle.


Wenn entzündliche Botenstoffe oder aktivierte Mikrogliazellen die Funktion zentraler autonomer Netzwerke beeinflussen, kann das Nervensystem empfindlicher und reaktiver werden. Dann reicht manchmal ein kleiner Reiz, damit der Körper stärker reagiert, als es eigentlich notwendig wäre.


Hormone und Stoffwechsel: Wenn innere Steuerungssysteme mitmischen


Das Hormonsystem und das autonome Nervensystem sind eng miteinander verbunden.


Cortisol beeinflusst Stressreaktionen, Blutdruck, Blutzucker, Entzündung und die Empfindlichkeit gegenüber Katecholaminen wie Noradrenalin und Adrenalin.


Wenn die Cortisolregulation gestört ist, kann das autonome Nervensystem leichter in Überaktivierung geraten oder schlechter aus Belastung herausfinden.


Auch die Schilddrüse spielt eine große Rolle.


Eine Schilddrüsenüberfunktion kann Herzfrequenz, Zittern, Hitzeintoleranz, Unruhe, Schlafprobleme und Stresssensitivität verstärken. Eine Unterfunktion kann dagegen Erschöpfung, Kreislaufschwäche, Kälteempfindlichkeit, niedrige Belastbarkeit und Brain Fog begünstigen.


Blutzuckerschwankungen sind ebenfalls wichtig.


Wenn der Blutzucker stark schwankt oder nach Mahlzeiten zu schnell abfällt, reagiert der Körper häufig mit einer Stressantwort. Dann werden Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet, um den Blutzucker zu stabilisieren. Für ein ohnehin empfindliches autonomes Nervensystem kann das wie zusätzlicher Alarm wirken.


Auch Sexualhormone beeinflussen die autonome Regulation.


Viele Frauen berichten, dass ihre Symptome rund um den Zyklus, in der Schwangerschaft, nach der Geburt, in der Perimenopause oder Menopause schwanken. Das ist nicht überraschend, denn Östrogen und Progesteron beeinflussen Gefäßspannung, Blutvolumen, Temperaturregulation, Stressreaktionen und die Sensitivität des Nervensystems.


Ein weiterer wichtiger Mechanismus ist das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System.


Dieses System hilft dem Körper, Blutdruck, Salzhaushalt und Blutvolumen zu regulieren. Wenn diese Regulation gestört ist, kann das Blutvolumen sinken oder die Kreislaufanpassung beim Stehen instabiler werden. Der Körper muss dann stärker kompensieren – häufig über den Sympathikus.


Deshalb lohnt es sich bei POTS oft, nicht nur den Puls zu betrachten, sondern auch Hormonachsen, Schilddrüse, Cortisol, Blutzucker, Salzhaushalt, Zyklus und Blutdruckregulation mitzudenken.


Gehirnnetzwerke: Wenn die autonome Steuerzentrale empfindlich wird


Der vielleicht wichtigste, aber am wenigsten verstandene Bereich ist das Gehirn selbst.


Denn das autonome Nervensystem wird nicht nur im Körper reguliert. Es wird zentral gesteuert.


Mehrere Hirnregionen arbeiten zusammen, um Herzfrequenz, Blutdruck, Atmung, Temperatur, Stressreaktionen, Körperwahrnehmung und Organfunktionen zu koordinieren.


Der Hypothalamus ist dabei eines der wichtigsten Kontrollzentren. Er reguliert unter anderem Temperatur, Durst, Hunger, Schlaf-Wach-Rhythmus, Stressachsen, Hormone und autonome Reaktionen.


Wenn hypothalamische Netzwerke aus dem Gleichgewicht geraten, kann das Auswirkungen auf Blutdruck, Herzfrequenz, Temperaturgefühl, Schlaf, Stressreaktionen und hormonelle Regulation haben.


Die Amygdala bewertet Gefahr und Sicherheit.


Wenn sie überaktiv ist oder Körpersignale schneller als bedrohlich einstuft, kann sie die sympathische Aktivierung verstärken. Das bedeutet nicht, dass alles psychisch ist. Es bedeutet, dass das Gehirn sehr eng mit körperlichen Alarmreaktionen verbunden ist.


Der anteriore cinguläre Kortex hilft dabei, Stress, Aufmerksamkeit, Schmerz, Körperwahrnehmung und autonome Reaktionen zu regulieren. Wenn diese Region nicht gut moduliert, kann der Körper stärker auf innere oder äußere Reize reagieren.


Die Insula verarbeitet Körpersignale.


Sie hilft dem Gehirn zu spüren, was im Körper passiert: Herzschlag, Atmung, Druck, Temperatur, Übelkeit, Spannung, innere Unruhe. Wenn diese Verarbeitung überempfindlich wird, können normale oder leicht veränderte Körpersignale sehr intensiv wahrgenommen werden.


Der Hirnstamm ist die zentrale Schaltstelle zwischen Körper und Gehirn.


Hier liegen wichtige autonome Kerngebiete wie der Nucleus tractus solitarius, die ventrolaterale Medulla, der parabrachiale Nukleus, der dorsale motorische Vaguskern und weitere Strukturen, die Herz-Kreislauf-Regulation, Atmung, Blutdruck und Vagusaktivität beeinflussen.


Schon subtile Störungen in diesen Netzwerken können große Auswirkungen auf das autonome Gleichgewicht haben.

Auch das Kleinhirn sollte nicht unterschätzt werden.


Es ist nicht nur für Bewegung und Koordination zuständig. Es hilft auch bei Anpassung, Vorhersage, Gleichgewicht, Körperkontrolle und autonomer Regulation. Wenn das Kleinhirn nicht sauber integriert, kann der Körper schlechter auf Lagewechsel, Bewegung, visuelle Reize oder Belastung reagieren.


Das erklärt, warum manche Menschen mit POTS nicht nur Herzrasen haben, sondern auch Schwindel, visuelle Überforderung, Brain Fog, Gangunsicherheit, Reizempfindlichkeit oder das Gefühl, im eigenen Körper nicht stabil zu sein.


Warum diese Systeme zusammen gedacht werden müssen


Hyperadrenerges POTS ist deshalb häufig kein isoliertes Problem.


Es kann entstehen, wenn Kreislaufregulation, Immunaktivierung, Hormone, Stoffwechsel, Bindegewebe und zentrale autonome Netzwerke gleichzeitig Druck auf das Nervensystem ausüben.


Bei einem Menschen steht vielleicht venöses Pooling im Vordergrund.

Bei einem anderen eine postvirale Dysautonomie.

Bei einem dritten Histamin und Mastzellaktivierung.

Bei einem vierten hormonelle Dysregulation, Schilddrüse, Cortisol oder Blutzucker.

Bei einem fünften eine starke zentrale Sensitivierung autonomer Netzwerke nach Trauma, Infekt, Stress, Gehirnerschütterung oder langer Überlastung.


Und häufig ist es nicht nur einer dieser Faktoren.


Häufig ist es die Kombination.

Genau deshalb reicht es oft nicht, nur zu fragen:

„Wie hoch ist dein Puls?“


Die bessere Frage lautet:

„Welche Systeme treiben dein Nervensystem in diese Alarmreaktion?“


Denn wenn man diese Treiber besser versteht, kann man gezielter ansetzen.

Nicht mit dem Anspruch, POTS über Nacht zu lösen.


Sondern mit dem Ziel, das Nervensystem wieder besser regulierbar zu machen.


Mehr Stabilität.Mehr Belastbarkeit.Mehr Körpervertrauen.Mehr Flexibilität zwischen Aktivierung und Beruhigung.

Und genau deshalb müssen wir im nächsten Kapitel auch über die seltenen, aber wichtigen Ausschlussdiagnosen sprechen.


Denn bevor man ein Problem als funktionelle oder regulative Dysfunktion einordnet, sollte man bestimmte ernsthafte Ursachen zumindest im Blick haben.


6. Seltene, aber wichtige Ausschlussdiagnosen


Wenn man über hyperadrenerges POTS spricht, ist ein Punkt besonders wichtig:

Die meisten Betroffenen haben keine seltene Tumorerkrankung und keine schwere strukturelle neurologische Erkrankung.


Das muss man klar sagen.


Denn wer ohnehin schon unter Herzrasen, innerer Unruhe, Zittern, Schwindel, Brain Fog oder Stressintoleranz leidet, braucht nicht noch mehr Angst.


Gleichzeitig wäre es aber auch nicht sinnvoll, bestimmte Ursachen komplett zu ignorieren.


Denn es gibt Erkrankungen, die hyperadrenerge Symptome auslösen oder imitieren können. Sie sind selten, aber wichtig. Vor allem dann, wenn der Verlauf sehr stark, ungewöhnlich, anfallsartig oder schwer erklärbar ist.

Deshalb sollte dieses Kapitel nicht als Angstmacher verstanden werden.


Sondern als Orientierung.


Es geht nicht darum, hinter jedem Symptom das Schlimmste zu vermuten.

Es geht darum, zu wissen, wann man genauer hinschauen sollte.


Eine wichtige Gruppe seltener Ursachen betrifft die Nebennieren.


Die Nebennieren sitzen wie kleine Hormondrüsen oberhalb der Nieren. Sie produzieren unter anderem Stresshormone und Katecholamine wie Adrenalin und Noradrenalin.


In seltenen Fällen kann ein sogenanntes Phäochromozytom entstehen. Das ist ein meist gutartiger, aber hormonaktiver Tumor der Nebenniere, der zu viel Adrenalin oder Noradrenalin ausschütten kann.

Auch sogenannte Paragangliome, also neuroendokrine Tumoren außerhalb der Nebenniere, können ähnliche Symptome verursachen.


Typisch können dann anfallsartige Episoden sein mit starkem Blutdruckanstieg, Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Kopfschmerzen, Blässe, innerem Alarmgefühl oder panikartigen Zuständen.


Das kann einem hyperadrenergen POTS ähneln.


Der Unterschied ist: Hier ist die übermäßige Katecholaminaktivität nicht nur eine Reaktion des autonomen Nervensystems, sondern kann direkt durch einen hormonaktiven Tumor ausgelöst werden.


Noch einmal:

Das ist selten.


Aber wenn jemand wiederholt starke Blutdruckkrisen, anfallsartiges Schwitzen, heftiges Herzrasen und panikartige körperliche Attacken erlebt, sollte diese Möglichkeit medizinisch ausgeschlossen werden.


Eine zweite wichtige Ebene ist die Hypophyse.


Die Hypophyse ist eine kleine Drüse im Gehirn. Trotzdem hat sie enormen Einfluss auf den gesamten Körper. Sie steuert mehrere Hormonsysteme, die wiederum Blutdruck, Stoffwechsel, Stressreaktionen, Sexualhormone, Schilddrüse, Wachstumshormon und die Nebennierenfunktion beeinflussen.


Deshalb können Störungen der Hypophyse Symptome erzeugen, die sich mit POTS oder autonomer Dysregulation überschneiden.


Ein Beispiel sind ACTH-produzierende Hypophysentumoren. Sie können zu einer übermäßigen Cortisolproduktion führen. Das nennt man Morbus Cushing.


Zu viel Cortisol kann den Blutdruck erhöhen, den Schlaf stören, Ängstlichkeit verstärken, die Empfindlichkeit gegenüber Stressbotenstoffen erhöhen und Herzrasen begünstigen.


Auch Wachstumshormon-produzierende Tumoren können über Gefäßfunktion, Flüssigkeitshaushalt, Blutzucker und kardiovaskuläre Regulation Einfluss auf den Körper nehmen.


Prolaktinome wiederum können indirekt über Störungen der Sexualhormone wirken. Wenn Östrogen, Progesteron oder Testosteron aus dem Gleichgewicht geraten, kann das die Gefäßspannung, Blutvolumenregulation und autonome Stabilität beeinflussen.


Auch nicht-funktionelle Hypophysenadenome, also Tumoren, die selbst keine Hormone produzieren, können relevant werden, wenn sie normales Hypophysengewebe verdrängen. Dann kann es zu Nebenniereninsuffizienz, Schilddrüsenunterfunktion, Wachstumshormonmangel oder Störungen der Geschlechtshormone kommen.

All diese Zustände können Erschöpfung, Kreislaufprobleme, Schwindel, Belastungsintoleranz, Brain Fog und autonome Symptome verstärken.


Auch der Hypothalamus sollte in diesem Zusammenhang erwähnt werden.


Er liegt direkt oberhalb der Hypophyse und ist eines der wichtigsten autonomen Kontrollzentren im Gehirn.

Der Hypothalamus reguliert unter anderem Sympathikus, Parasympathikus, Temperatur, Durst, Hunger, Blutdruck, Schlaf-Wach-Rhythmus, Stressachsen und hormonelle Steuerung.


Wenn größere Tumoren, Läsionen, Entzündungen oder Veränderungen im Bereich der Hypothalamus-Hypophysen-Achse auftreten, kann auch die autonome Regulation gestört werden.


Dann können Symptome entstehen, die wie hyperadrenerges POTS oder andere Formen von Dysautonomie wirken.

Auch Operationen oder Bestrahlungen an der Hypophyse können später autonome Symptome begünstigen, wenn dadurch hormonelle Systeme beeinträchtigt werden. Dazu gehören zum Beispiel sekundäre Nebenniereninsuffizienz, Schilddrüsenunterfunktion oder Störungen des Wasser- und Salzhaushalts.


Neben hormonellen Ursachen gibt es auch strukturelle neurologische Faktoren, die man bei bestimmten Verläufen mitdenken sollte.


Das autonome Nervensystem wird stark über das Gehirn und den Hirnstamm reguliert.


Schädel-Hirn-Traumata oder Gehirnerschütterungen können zentrale autonome Netzwerke stören. Manche Menschen entwickeln nach einem Unfall, Sturz, Schleudertrauma oder einer Gehirnerschütterung plötzlich Herzrasen, Schwindel, Belastungsintoleranz, Reizempfindlichkeit oder Kreislaufprobleme.


Auch Chiari-Malformationen können relevant sein, wenn Anteile des Kleinhirns oder Hirnstamms mechanisch beeinflusst werden und dadurch autonome Regulation, Gleichgewicht oder Kopfdrucksymptome betroffen sind.

HWS-Verletzungen, kraniozervikale Instabilität und Bindegewebserkrankungen wie das Ehlers-Danlos-Syndrom können ebenfalls Einfluss nehmen. Nicht immer direkt und nicht bei jedem Menschen, aber über mechanische, vaskuläre und sensorische Mechanismen können sie die Kommunikation zwischen Kopf, Halswirbelsäule, Hirnstamm und autonomem Nervensystem verändern.


Seltener können auch kleine Schlaganfälle, demyelinisierende Erkrankungen, entzündliche Läsionen oder andere neurologische Schädigungen autonomer Bahnen zu einer gestörten sympathischen Regulation beitragen.


Auch hier gilt:

Das sind nicht die häufigsten Ursachen.


Aber sie gehören in die Differenzialdiagnostik, wenn Symptome sehr ungewöhnlich sind, neue neurologische Ausfälle auftreten oder der Verlauf nicht zum typischen Bild passt.


Wann sollte man also genauer hinschauen?


Zum Beispiel bei anfallsartigem oder stark erhöhtem Blutdruck

Bei heftigen Schweißattacken ohne erkennbare Ursache

Bei wiederkehrenden Episoden mit Herzrasen, Zittern und Kopfschmerzen

Bei Gesichtsfeldausfällen oder Sehstörungen

Bei chronischen oder neuartigen starken Kopfschmerzen

Bei unerklärlichen Gewichtsveränderungen

Bei Zyklusstörungen oder ausbleibender Periode

Bei Milchfluss aus der Brust außerhalb von Schwangerschaft oder Stillzeit

Bei auffälligen Cortisolwerten

Bei auffälliger Schilddrüsenfunktion

Bei stark verminderter Libido oder Fruchtbarkeitsthemen

Bei extremer Erschöpfung, die nicht zum restlichen Bild passt

Bei neuen neurologischen Symptomen wie Lähmungen, Taubheit, Sprachproblemen, Doppelbildern oder deutlichen Koordinationsstörungen.


Solche Zeichen bedeuten nicht automatisch, dass etwas Schweres dahintersteckt.


Aber sie bedeuten:


Bitte nicht einfach alles als Stress, Angst oder funktionelle Dysregulation abtun.


Eine gute Diagnostik sollte immer zwei Dinge gleichzeitig können:

Sie sollte seltene, ernsthafte Ursachen nicht übersehen.

Und sie sollte Betroffene nicht unnötig in Angst versetzen.


Denn beides ist wichtig.


Wenn ernste Ursachen ausgeschlossen sind, kann man viel klarer auf die funktionellen, autonomen, immunologischen, hormonellen und vaskulären Treiber schauen.


Dann wird die Frage nicht mehr:

„Habe ich etwas Gefährliches?“


Sondern:

„Welche Systeme bringen mein Nervensystem aus der Balance, und wie kann ich wieder mehr Regulation aufbauen?“


Genau darum geht es im nächsten Kapitel:


Welche Diagnostik bei hyperadrenergen Symptomen sinnvoll sein kann — und warum gezielte Laboruntersuchungen häufig aussagekräftiger sind als einfach nur eine Bildgebung auf Verdacht.


7. Welche Diagnostik sinnvoll sein kann


Diagnostik sollte bei hyperadrenergen Symptomen vor allem eines schaffen:


Klarheit.


Nicht mehr Angst

Nicht noch mehr Verwirrung

Nicht eine endlose Suche nach immer neuen Befunden, die am Ende niemand sinnvoll einordnet.


Viele Betroffene mit POTS oder dysautonomen Beschwerden haben bereits eine lange Diagnostik hinter sich. EKG, Langzeit-EKG, Blutwerte, MRT, HNO, Neurologie, Kardiologie, vielleicht sogar mehrere Notaufnahmen.


Und trotzdem bleibt oft das Gefühl:

„Irgendetwas stimmt nicht, aber niemand findet die eigentliche Ursache.“


Genau deshalb ist gezielte Diagnostik so wichtig.


Nicht alles muss bei jedem Menschen untersucht werden. Aber bestimmte Bereiche sollten mitgedacht werden, vor allem wenn die Symptome stark, ungewöhnlich, anfallsartig oder schwer erklärbar sind.


Der erste wichtige Punkt lautet:

Bildgebung ist nicht immer der beste erste Schritt.


Viele Menschen denken: „Wenn ich ein MRT oder CT mache, finde ich die Ursache.“


Aber gerade bei Hypophyse und Nebenniere ist das nicht immer so einfach.


Kleine Hypophysenadenome oder Nebennierenveränderungen können zufällig gefunden werden, ohne dass sie die Beschwerden verursachen. Solche Zufallsbefunde können dann mehr Unsicherheit erzeugen als Klarheit.


Entscheidend ist deshalb nicht nur:

„Sieht man etwas auf dem Bild?“


Sondern:

„Produziert dieser Befund Hormone?“„Passt er zu den Symptomen?“„Gibt es Laborwerte, die zeigen, dass dieses System wirklich gestört ist?“


Deshalb ist bei Verdacht auf hormonelle Ursachen häufig zuerst eine gezielte Labordiagnostik sinnvoller als eine Bildgebung auf Verdacht.


Bei hyperadrenergen Symptomen sollte man zunächst die autonome Reaktion selbst objektivieren.

Dazu gehören zum Beispiel Puls- und Blutdruckmessungen im Liegen, Sitzen und Stehen. Wichtig ist nicht nur der Pulsanstieg, sondern auch die Blutdruckreaktion.


Steigt der Blutdruck beim Stehen deutlich an?

Fällt er ab?

Bleibt er stabil?

Kommt es zu starkem Herzrasen ohne Blutdruckabfall?

Verändern sich die Werte nach Mahlzeiten, Hitze, Belastung oder Stress?


Solche Messungen können helfen, das Muster besser zu verstehen.


Denn hyperadrenerges POTS zeigt sich häufig nicht nur durch Herzrasen, sondern auch durch eine übermäßige sympathische Reaktion im Stehen. Bei manchen Betroffenen steigt dabei auch der Blutdruck.


Neben der autonomen Messung lohnt sich ein Blick auf grundlegende Laborbereiche.


Dazu gehören Schilddrüsenwerte wie TSH, freies T4 und freies T3. Eine Schilddrüsenüberfunktion kann Symptome wie Herzrasen, Zittern, innere Unruhe, Hitzeintoleranz und Schlafprobleme verstärken oder imitieren.

Auch Cortisol, ACTH und DHEA-S können relevant sein, weil sie Hinweise auf die Stressachsen und die Nebennierenfunktion geben.


Elektrolyte wie Natrium und Kalium sind wichtig, vor allem wenn es um Blutvolumen, Kreislaufregulation, Aldosteron oder mögliche Störungen des Wasser- und Salzhaushalts geht.


Auch Blutzucker, Insulinresistenz oder starke Blutzuckerschwankungen sollten mitgedacht werden, weil der Körper auf instabile Energieversorgung häufig mit einer Stressreaktion antwortet.


Wenn Symptome oder Vorgeschichte auf eine Hypophysenbeteiligung hinweisen, kann eine erweiterte hormonelle Diagnostik sinnvoll sein.


Dazu können gehören:


Prolaktin, ACTH, Morgen-Cortisol, DHEA-S, IGF-1 als Screening für Wachstumshormon, TSH, freies T4, freies T3, LH, FSH, Estradiol bei Frauen, Testosteron bei Männern sowie Natrium und Serum-Osmolalität, wenn ein Diabetes insipidus vermutet wird.


Das klingt nach vielen Werten.

Aber die Idee dahinter ist einfach:


Die Hypophyse steuert mehrere Hormonsysteme. Wenn hier etwas aus dem Gleichgewicht gerät, können Erschöpfung, Kreislaufprobleme, Zyklusstörungen, Libidoverlust, Schlafprobleme, Blutdruckveränderungen, Brain Fog oder autonome Symptome entstehen.


Bei Verdacht auf Morbus Cushing oder eine übermäßige Cortisolproduktion reicht ein einzelner Morgen-Cortisolwert oft nicht aus.


Dann können weitere Tests nötig sein, zum Beispiel nächtliches Speichelcortisol, 24-Stunden-Urin auf freies Cortisol, ein niedrig dosierter Dexamethason-Hemmtest und ACTH.


Wenn die Beschwerden eher an ein Phäochromozytom oder Paragangliom denken lassen, also an eine seltene, hormonaktive Katecholaminquelle, stehen andere Laborwerte im Vordergrund.


Besonders relevant sind dann:


freie Metanephrine im Plasma

Normetanephrine im Plasma oder fraktionierte Metanephrine im 24-Stunden-Urin.


Diese Tests sind deshalb wichtig, weil Phäochromozytome und Paragangliome übermäßig Adrenalin oder Noradrenalin ausschütten können.


Typische Hinweise wären anfallsartige Blutdruckspitzen, starkes Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Kopfschmerzen, Blässe und panikartige körperliche Attacken.


Auch hier gilt:

Das ist selten.


Aber wenn das Muster passt, sollte man es nicht einfach als Angst abtun.


Bei Blutdruckauffälligkeiten kann außerdem das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System untersucht werden.

Aldosteron, Renin und der Aldosteron-Renin-Quotient können Hinweise darauf geben, ob die Regulation von Salzhaushalt, Blutvolumen und Blutdruck gestört ist. Das ist besonders relevant bei Bluthochdruck, niedrigem Kalium oder auffälliger Kreislaufregulation.


Erst wenn Laborwerte, Symptome oder klinische Hinweise in eine bestimmte Richtung zeigen, wird Bildgebung besonders sinnvoll.


Bei Verdacht auf eine Hypophysenursache ist ein spezielles Hypophysen-MRT aussagekräftiger als ein normales Gehirn-MRT, weil es mit dünneren Schichten arbeitet und kleine Veränderungen besser darstellen kann.

Bei Verdacht auf eine Nebennierenursache ist häufig ein Nebennieren-CT die erste Wahl. In bestimmten Fällen kann auch ein Nebennieren-MRT sinnvoll sein, zum Beispiel wenn CT-Befunde unklar sind oder Strahlenbelastung vermieden werden soll.


Spezielle Verfahren wie MIBG-Szintigrafie, DOTATATE-PET oder FDG-PET werden normalerweise nicht am Anfang eingesetzt, sondern eher bei speziellen Fragestellungen, unklaren Befunden oder Verdacht auf ausgedehntere Erkrankungen.


Der wichtigste Punkt ist:

Diagnostik sollte nicht wahllos sein.


Mehr Untersuchungen bedeuten nicht automatisch mehr Klarheit.


Manchmal führen sie sogar zu mehr Verunsicherung, wenn zufällige Befunde gefunden werden, die mit den Symptomen gar nichts zu tun haben.


Deshalb braucht es eine sinnvolle Reihenfolge:


Zuerst das Beschwerdemuster verstehen

Dann Puls und Blutdruck im Alltag und in der Orthostase erfassen

Dann gezielte Laborwerte prüfen

Dann Bildgebung einsetzen, wenn es dafür klare Hinweise gibt.


Gute Diagnostik fragt nicht nur:

„Was können wir alles testen?“


Sondern:

„Welche Untersuchung beantwortet wirklich die nächste sinnvolle Frage?“


Und genau hier liegt der Unterschied zwischen blinder Suche und echter Orientierung.


Wenn ernsthafte Ursachen ausgeschlossen wurden, bedeutet das nicht, dass die Symptome eingebildet sind.

Es bedeutet nur, dass der Fokus sich verschiebt.


Dann geht es weniger um die Frage:

„Habe ich einen Tumor oder eine gefährliche Erkrankung?“


Und mehr um die Frage:

„Warum ist mein autonomes Nervensystem so reaktiv geworden?“

„Welche Systeme treiben meine Alarmreaktion?“

„Und wie kann mein Nervensystem wieder lernen, flexibler zu regulieren?“


Damit kommen wir zum nächsten wichtigen Schritt:

der funktionell-neurologischen Perspektive auf hyperadrenerges POTS.


8. Die funktionell-neurologische Perspektive: Wenn das Problem in der Regulation liegt


Wenn bei POTS oder hyperadrenergen Symptomen wichtige medizinische Ursachen ausgeschlossen wurden, entsteht bei vielen Betroffenen ein frustrierender Moment.


Das EKG ist unauffällig.Das Herz ist strukturell gesund.Die Bildgebung zeigt nichts Dramatisches.Blutwerte sind vielleicht nicht perfekt, aber auch nicht eindeutig krankhaft.Und trotzdem fühlt sich der Körper alles andere als normal an.


Viele hören dann irgendwann:

„Es wurde nichts gefunden.“


Für Betroffene klingt das oft wie:

„Dann ist da wohl nichts.“


Aber das ist ein entscheidender Denkfehler.


Denn nur weil keine schwere strukturelle Erkrankung gefunden wurde, heißt das nicht, dass die Symptome eingebildet sind.


Es kann bedeuten, dass das Problem nicht primär in einer zerstörten Struktur liegt, sondern in einer gestörten Steuerung.


Genau hier beginnt die funktionell-neurologische Perspektive.


Funktionell bedeutet nicht: psychisch.Funktionell bedeutet nicht: ausgedacht.Funktionell bedeutet nicht: unwichtig.

Funktionell bedeutet: Ein System ist vorhanden, aber es arbeitet nicht mehr sauber.


Beim hyperadrenergen POTS kann genau das passieren.


Das Herz kann gesund sein, aber die Herzfrequenz wird falsch reguliert.Die Gefäße können vorhanden sein, aber ihre Spannung passt sich nicht gut genug an.Das Gehirn kann strukturell unauffällig sein, aber die Netzwerke für autonome Kontrolle reagieren zu empfindlich.Die Atmung kann normal möglich sein, aber unter Stress oder im Stehen dysfunktional werden.Der Körper kann grundsätzlich leistungsfähig sein, aber seine Anpassungsfähigkeit verloren haben.


Das autonome Nervensystem ist kein einzelner Schalter.

Es ist ein Netzwerk.


Es verbindet Gehirn, Hirnstamm, Rückenmark, Nerven, Gefäße, Herz, Atmung, Verdauung, Immunsystem, Hormone und Körperwahrnehmung miteinander.


Damit du stabil stehen, denken, verdauen, schlafen, dich bewegen und auf Belastung reagieren kannst, müssen all diese Systeme ständig miteinander kommunizieren.


Und genau diese Kommunikation kann gestört sein.


Ein zentrales Element ist der Hypothalamus.


Er hilft dem Körper, Temperatur, Durst, Hunger, Schlaf-Wach-Rhythmus, Stressachsen, Hormone, Blutdruck und autonome Reaktionen zu regulieren. Wenn hypothalamische Netzwerke unter Dauerstress, Entzündung, hormoneller Dysbalance oder postviraler Belastung empfindlicher werden, kann der Körper leichter in Alarm geraten.

Die Amygdala bewertet Gefahr und Sicherheit.


Wenn sie Körpersignale schneller als bedrohlich interpretiert, kann sie den Sympathikus verstärken. Das heißt nicht, dass du dir deine Symptome einbildest. Es bedeutet, dass dein Gehirn und dein Körper gemeinsam in einem Alarmmuster festhängen können.


Der anteriore cinguläre Kortex ist wichtig für Aufmerksamkeit, Fehlererkennung, Schmerz, Stressverarbeitung und autonome Regulation. Wenn dieses Netzwerk überlastet ist, kann es schwerer werden, Reize richtig einzuordnen und den Körper wieder herunterzufahren.


Die Insula verarbeitet innere Körpersignale.


Sie registriert Herzschlag, Atmung, Druck, Übelkeit, Temperatur, Spannung, Schwindel und innere Unruhe. Wenn diese Wahrnehmung überempfindlich wird, können Körpersignale intensiver, bedrohlicher oder ungewohnter erscheinen.


Der Hirnstamm ist eine der wichtigsten Schaltstellen zwischen Körper und Gehirn.


Hier liegen zentrale autonome Kerngebiete wie der Nucleus tractus solitarius, die ventrolaterale Medulla, der parabrachiale Nukleus und der dorsale motorische Vaguskern.


Diese Bereiche helfen dabei, Blutdruck, Herzfrequenz, Atmung, Vagusaktivität, Kreislaufreaktionen und Signale aus dem Körper zu koordinieren.


Wenn die Kommunikation in diesen Netzwerken gestört ist, kann der Körper auf eigentlich normale Reize übermäßig reagieren.


Aufstehen wird zum Stressreiz.Eine Mahlzeit wird zum Stressreiz.Hitze wird zum Stressreiz.Bewegung wird zum Stressreiz.Ein voller Raum wird zum Stressreiz.Körperliche Empfindungen werden zum Stressreiz.

Auch das Kleinhirn spielt dabei eine größere Rolle, als viele denken.


Es ist nicht nur für Koordination und Bewegung zuständig. Es hilft dem Körper auch, Reize vorherzusagen, Gleichgewicht zu regulieren, Bewegungen anzupassen und autonome Reaktionen fein abzustimmen.

Wenn das Kleinhirn, der Hirnstamm, die Insula und andere autonome Netzwerke nicht gut zusammenarbeiten, können Symptome wie Schwindel, Gangunsicherheit, visuelle Überforderung, Brain Fog, Druck im Kopf, Herzrasen oder Stressintoleranz gemeinsam auftreten.


Das erklärt, warum POTS-Betroffene oft so viele unterschiedliche Beschwerden haben.


Es ist nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass „alles kaputt“ ist.

Es kann ein Zeichen dafür sein, dass die zentrale Regulation überfordert ist.


Aus funktionell-neurologischer Sicht geht es deshalb nicht nur darum, den Puls zu senken oder Symptome zu unterdrücken.


Natürlich kann symptomatische Behandlung wichtig sein. Medikamente, Salz, Flüssigkeit, Kompression, medizinische Diagnostik und ärztliche Begleitung können je nach Fall absolut sinnvoll sein.


Aber langfristig muss man zusätzlich fragen:


Wie gut kann das Nervensystem wieder zwischen Aktivierung und Beruhigung wechseln?Wie stabil reagiert der Kreislauf auf Lagewechsel?Wie gut toleriert der Körper Bewegung?Wie stark reagiert das System auf Atmung, Hitze, Licht, Geräusche, Verdauung oder Stress?Wie schnell findet der Körper nach Belastung wieder zurück in Ruhe?Wie sicher fühlt sich das Gehirn im eigenen Körper?


Das Ziel ist nicht, den Körper mit zu starken Reizen zu überfordern.


Viele POTS-Betroffene kennen genau das: Sie versuchen zu trainieren, machen zu viel, crashen danach und verlieren noch mehr Vertrauen in ihren Körper.


Deshalb braucht das Nervensystem häufig keine brutale Konfrontation.

Es braucht dosierte Reize.


Reize, die klein genug sind, um toleriert zu werden.Aber klar genug, damit das Nervensystem wieder lernen kann.Wiederholung ohne Überforderung.Aktivierung ohne Crash.Beruhigung ohne Vermeidung.Belastung ohne Kontrollverlust.


So kann der Körper Schritt für Schritt wieder mehr Regulationsfähigkeit aufbauen.


Das betrifft nicht nur Bewegung.


Auch Atmung, Blickstabilität, Gleichgewicht, Vagusaktivität, Körperwahrnehmung, Schlaf, Blutzucker, Temperaturreize, Stressmanagement und Erholung können Teil dieses Prozesses sein.

Denn das Nervensystem lernt über Erfahrung.


Wenn dein Körper immer wieder erlebt, dass kleine Reize sicher bewältigt werden können, beginnt er langsam, seine Alarmreaktion zu verändern.


Nicht sofort.Nicht durch Druck.Nicht durch ein einzelnes Wundermittel.

Sondern durch wiederholte, passende Signale von Sicherheit, Stabilität und Kontrolle.


Denn am Ende geht es nicht nur darum, weniger Symptome zu haben.

Es geht darum, dass dein Nervensystem wieder Anpassungsfähigkeit gewinnt.


Dass dein Körper nicht bei jedem Lagewechsel, jeder Mahlzeit, jeder Belastung oder jedem Stressreiz sofort in Alarm geht.


Dass dein Gehirn wieder mehr Sicherheit im eigenen Körper erlebt.


Dass dein autonomes Nervensystem wieder besser zwischen Gas und Bremse wechseln kann.


Denn wenn hyperadrenerges POTS so stark mit autonomer Regulation, Körperwahrnehmung, Stressachsen, Atmung, Durchblutung und zentralen Netzwerken verbunden ist, dann braucht es einen Einstieg, der genau dort ansetzt:

beim Nervensystem selbst.


Nicht als Versprechen, POTS einfach zu heilen.


Sondern als erster Schritt, um zu verstehen, wie Regulation überhaupt wieder aufgebaut werden kann.


10. Fazit: Nicht nur den Puls behandeln, sondern das Nervensystem verstehen


Hyperadrenerges POTS wird oft über den Puls beschrieben.

Und natürlich ist der Puls wichtig.


Er ist messbar

Er ist sichtbar

Er zeigt, dass der Körper auf das Aufstehen oder aufrechte Haltung übermäßig stark reagiert.


Aber wenn du diesen Artikel bis hierhin gelesen hast, hast du wahrscheinlich verstanden:

Der Puls ist nicht immer das eigentliche Problem.


Häufig ist er das sichtbare Signal eines Nervensystems, das versucht, Stabilität herzustellen.


Der Körper reagiert nicht ohne Grund. Er erhöht den Puls, aktiviert den Sympathikus, verändert die Gefäßspannung, schüttet Stressbotenstoffe aus und versucht, die Durchblutung, den Blutdruck und die Versorgung des Gehirns aufrechtzuerhalten.


Das Problem ist nicht, dass dein Körper „falsch“ reagiert.


Das Problem ist häufig, dass diese Reaktion zu stark, zu häufig oder zu schlecht reguliert abläuft.

Aus Schutz wird Alarm.Aus Kompensation wird Überforderung.Aus Wachsamkeit wird Daueranspannung.Aus einem sinnvollen Anpassungsmechanismus wird ein chronisches Muster.


Deshalb ist hyperadrenerges POTS selten nur ein Thema des Herzens.


Es kann mit Blutvolumen, venösem Pooling, Gefäßregulation, Bindegewebe, Immunsystem, Histamin, Mastzellaktivierung, Hormonen, Schilddrüse, Cortisol, Blutzucker, Atmung, Gehirnnetzwerken, Stressachsen und zentraler autonomer Regulation zusammenhängen.


Bei manchen Menschen steht die Durchblutung im Vordergrund.

Bei anderen das Immunsystem.

Bei anderen Hormone, Histamin, postvirale Veränderungen, Small-Fiber-Neuropathie, zentrale Sensitivierung oder eine Überempfindlichkeit autonomer Netzwerke.


Und häufig ist es nicht nur ein Faktor.


Häufig ist es die Kombination mehrerer Systeme, die das Nervensystem in einen Zustand erhöhter Alarmbereitschaft bringt.


Dein Körper ist nicht dein Feind.

Er versucht, dich zu schützen.


Aber wenn das Nervensystem dauerhaft Gefahr erwartet, verliert es seine Flexibilität. Dann wird Aufstehen zum Stressreiz. Bewegung wird zum Stressreiz. Hitze wird zum Stressreiz. Verdauung wird zum Stressreiz. Selbst normale Körpersignale können sich bedrohlich anfühlen.


Der Weg zurück besteht deshalb nicht darin, den Körper mit Gewalt zu kontrollieren.

Es geht darum, dem Nervensystem wieder Sicherheit beizubringen.


Schritt für Schritt.


Über bessere Körperwahrnehmung.Über Atmung.Über dosierte Bewegung.Über Regulation des Sympathikus.Über Aktivierung des Parasympathikus.Über Schlaf, Blutzucker, Rhythmus und Erholung.Über Reize, die stark genug sind, um Veränderung anzustoßen, aber sanft genug, um das System nicht zu überfordern.

Denn ein dysreguliertes Nervensystem braucht nicht noch mehr Druck.


Es braucht Orientierung.

Es braucht wiederholte Signale von Sicherheit.


Es braucht die Erfahrung:

Ich kann mich aktivieren, ohne die Kontrolle zu verlieren.Ich kann zur Ruhe kommen, ohne komplett zu kollabieren.Ich kann Reize tolerieren, ohne sofort in Alarm zu gehen.Ich kann meinem Körper wieder etwas mehr vertrauen.

Das ist kein schneller Schalter.


Und es ist auch kein Versprechen, dass sich komplexe Beschwerden wie POTS durch eine einzelne Maßnahme einfach auflösen.


Aber es ist ein entscheidender Einstieg.


Denn wenn das autonome Nervensystem an der Entstehung oder Verstärkung deiner Beschwerden beteiligt ist, dann ist es sinnvoll, genau dort anzusetzen:

bei der Regulation.


Nicht als Ersatz für medizinische Diagnostik.

Nicht als Ersatz für ärztliche Behandlung.

Und nicht als direkte „POTS-Lösung“.


Sondern als Grundlage, um dein Nervensystem besser zu verstehen und gezielt wieder regulierbarer zu machen.

Genau dafür habe ich meinen Onlinekurs „Reset des Nervensystems“ entwickelt.


Dieser Kurs richtet sich an Menschen, die spüren, dass ihr Körper dauerhaft unter Strom steht, dass sie schwer herunterfahren können, dass Stress, Belastung, Schlafmangel, Reize oder körperliche Symptome ihr System schnell überfordern.


Im Kurs lernst du, wie dein autonomes Nervensystem funktioniert, warum dein Körper in Alarmmuster geraten kann und welche Strategien dir helfen können, wieder mehr Regulation, Stabilität und Sicherheit aufzubauen.

Der Fokus liegt nicht darauf, eine Diagnose wie POTS direkt zu behandeln.


Der Fokus liegt darauf, die Grundlagen der Nervensystem-Regulation zu verstehen und praktisch umzusetzen.

Denn genau das ist für viele Menschen der erste wichtige Schritt:

Nicht mehr nur Symptome bekämpfen.


Nicht mehr nur Angst vor dem nächsten Pulsanstieg haben.

Nicht mehr nur darauf warten, dass der Körper endlich wieder „normal“ funktioniert.


Sondern aktiv zu lernen, wie du dein Nervensystem unterstützen kannst, wieder flexibler zwischen Aktivierung und Beruhigung zu wechseln.


Wenn du das Gefühl hast, dass dein Körper im Alarmmodus festhängt und du einen verständlichen, praktischen Einstieg in die Regulation deines Nervensystems suchst, dann kann „Reset des Nervensystems“ ein sinnvoller nächster Schritt für dich sein.


Nicht als Wunderversprechen.


Sondern als Einstieg in einen Prozess, in dem du lernst, deinen Körper besser zu verstehen, dein Nervensystem gezielter zu unterstützen und wieder mehr Vertrauen in deine eigene Regulation aufzubauen.


Herzliche Grüße


Patrick Meinart




Literatur:



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